Das Zebra Magazin
Resilienz-Café
Achtsam in den Spätsommer – kleine Momente, die uns zurück ins Hier und Jetzt holen
Wann haben Sie zuletzt etwas getan und waren mit Ihren Gedanken wirklich genau dort? Beim Zähneputzen nicht schon beim ersten Termin des Tages, beim Spaziergang nicht bei der vollen To-do-Liste und beim Essen nicht schon bei all den Dingen, die danach noch erledigt werden müssen?
Im Alltag passiert es uns erstaunlich schnell, dass unser Körper zwar an einem Ort ist, unsere Gedanken aber längst ganz woanders sind. Wir planen den nächsten Tag, gehen vergangene Situationen noch einmal durch oder überlegen schon, was als Nächstes erledigt werden muss. Manchmal merken wir erst viel später, wie vieles wir bereits gemacht, aber wie wenig davon wir tatsächlich ganz bewusst wahrgenommen haben.
Genau um dieses Innehalten und im Moment ankommen ging es beim letzten Resilienz-Café „Achtsam durch den Spätsommer“ am 30. August.
Wenn der Kopf schon wieder drei Schritte weiter ist
Zu Beginn stand deshalb erst einmal die Frage im Raum: Was bedeutet Achtsamkeit eigentlich für mich? Darauf gibt es vermutlich genauso viele Antworten wie Menschen. Für den einen ist es Ruhe, für die andere ein Spaziergang in der Natur, bewusstes Atmen oder einfach das Gefühl, für einen kurzen Moment nichts erledigen zu müssen.
Im Grunde bedeutet Achtsamkeit zunächst einmal, wahrzunehmen, was gerade da ist, ohne es sofort verändern oder bewerten zu müssen. Das klingt einfach – bis man es selbst ausprobiert.
Was passiert, wenn wir plötzlich genauer hinschauen?
Wie ungewohnt es sein kann, einer Sache wirklich unsere ganze Aufmerksamkeit zu schenken, zeigte sich gleich zu Beginn. Angelehnt an die bekannte Rosinenmeditation starteten wir mit einer Kräutermeditation. Jede Person wählte zwischen Minze, Rosmarin, Petersilie und Schnittlauch und nahm sich Zeit, das ausgewählte Kraut bewusst wahrzunehmen. Es wurde betrachtet, zwischen den Fingern gefühlt, gerochen und schließlich ganz bewusst geschmeckt.
Plötzlich gab es an etwas scheinbar völlig Alltäglichem erstaunlich viel zu entdecken: die feine Struktur der Oberfläche, einen intensiven Geruch und einen Geschmack, der sich beim Kauen noch einmal veränderte. Dinge, die unbemerkt geblieben wären, wenn das Kraut einfach nebenbei gegessen worden wäre.
Eine ähnliche Erfahrung machten wir später bei „Mind the Music“. Musik begleitet viele von uns ganz selbstverständlich durch den Alltag – beim Autofahren, Kochen oder Aufräumen – und läuft dabei häufig eher im Hintergrund. Dieses Mal durfte sie unsere ganze Aufmerksamkeit bekommen. Beim bewussten Zuhören konnten plötzlich einzelne Instrumente, Rhythmen oder Stimmungen auffallen, die man sonst vielleicht überhört hätte.
Vielleicht war genau das die kleine Erkenntnis aus diesen Übungen: Je selbstverständlicher etwas für uns geworden ist, desto weniger nehmen wir es manchmal wahr. Erst als wir uns wirklich Zeit für diese kleinen Dinge nehmen, fällt uns auf, wie viel darin eigentlich zu entdecken ist. Und das lässt sich das auch auf andere Momente im Alltag übertragen: auf den ersten Kaffee am Morgen, eine Mahlzeit mit der Familie oder den Geruch der frischen Luft, wenn wir morgens die Tür öffnen.
“Achtsamkeit beginnt nicht im Spektakulären, sondern dort, wo wir das Gewöhnliche wieder wirklich wahrnehmen.” Inga Henn
Vom Außen wieder ein Stück zu uns selbst
Doch bei all dem, was wir um uns herum entdecken können, lohnt sich auch der Blick nach innen. Denn manchmal nehmen wir unsere Umgebung sehr genau wahr und überhören dabei, was unser eigener Körper uns gerade sagen möchte.
Eine kleine Hilfe, um dort anzukommen, kann die liegende Acht sein. Während der Finger langsam ihrer Form folgt, wird die Bewegung mit dem Ein und Ausatmen verbunden. Der gleichmäßige Rhythmus kann dabei helfen, zur Ruhe zu kommen und die Gedanken zu sammeln.
Es kann auch guttun, für einen Moment nichts zu tun und einfach zu spüren: Wie geht es mir eigentlich gerade? Genau dazu lädt diese kleine Sitzübung „In den Körper hineinlächeln“ ein.
Probieren Sie es gerne direkt aus.
Ein kleiner Stolperstein für unsere Gewohnheiten
Irgendwann waren unsere zwei Stunden fast vorbei. Aber natürlich wäre es schade gewesen, wenn die Achtsamkeit zusammen mit den Kaffeetassen im Resilienz-Café zurückgeblieben wäre. Deshalb nahm sich jede Person zum Abschied ihren ganz persönlichen kleinen Gewohnheitsbrecher mit.
Die Idee dahinter ist ganz einfach: Eine vertraute Handlung wird absichtlich einmal anders gemacht.
Als Rechtshänder mit links die Zähne putzen, die Handtasche auf der anderen Schulter tragen oder eine Türklinke mit der ungewohnten Hand öffnen.
Klingt banal? Probieren Sie es einmal aus.
Denn plötzlich fühlt sich eine Bewegung, über die wir sonst keine Sekunde nachdenken, erstaunlich fremd an. Wir müssen genauer hinschauen, vielleicht sogar ein wenig lachen, weil es sich unbeholfen anfühlt. Eine winzige Veränderung reicht aus und schon funktioniert unser gewohnter Autopilot nicht mehr so zuverlässig.
Vom kleinen Kraut über die bunten Bilder bis zum eigenen Körper und der Musik ging es nie darum, besonders gut in Achtsamkeit zu werden, sondern vielmehr darum, neugierig auf die Dinge zu werden, die wir normalerweise kaum noch bemerken.
Und dafür müssen wir unseren Alltag nicht komplett verändern.
Vielleicht reicht morgen früh schon die andere Hand beim Zähneputzen.
Weiterlesen & Hören
Wer sich intensiver mit dem Thema Achtsamkeit beschäftigen möchte, findet in folgenden Büchern hilfreiche Anregungen für den Alltag:
- Das Wunder der Achtsamkeit von Thích Nhất Hạnh
- Achtsam Morden (eine humorvolle Weise sich mit dem Konzept der Achtsamkeit zu befassen)
von Carsten Dusse (auch als Film beim Streaminganbieter Netflix verfügbar) - Achtsames Selbstmitgefühl bei Stress und Burnout. Wege sich von Stress und Erschöpfung zu befreien und neue Ressourcen aufzubauen
von Kristin Neff und Christopher Germer - Das Achtsamkeitsübungsbuch: Für Beruf und Alltag
von Halko Weiss und Michael E. Harrer - Achtsamkeit: Mein Übungsbuch für mehr Balance und Harmonie
von Doris Iding - Das kleine Buch vom achtsamen Leben: 10 Minuten am Tag für weniger Stress und mehr Gelassenheit
von Patrizia Collard und Karin Weingart - Achtsam mit dem Schmerz. Das MBSR Programm bei chronischen Schmerzen
von Jon Kabat-Zinn - Das Achtsamkeitstraining: 20 Minuten täglich die ihr Leben verändern
von Mark Williams und Danny Penman - Achtsamkeit. Podcast auf Deutschlandfunk Nova von Main Huong Nguyen und Diane Hielscher
